Archiv des Ortes. Sammelstrategien für ein fotografisches Archiv zur Raumentwicklung

Forschungsprojekt an der Zürcher Hochschule der Künste/Institute for Contemporary Art Research
Projektleitung: Ulrich Görlich, Meret Wandeler
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Lydia Lymbourides
Partner: Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek, Stadt Schlieren, Tourismusorganisation Engadin St. Moritz
Laufzeit: 2008–2010

Eine umfassende Bildrecherche in zwei unterschiedlichen, für die Schweiz repräsentativen Kulturräumen: In Schlieren, einer Agglomerationsgemeinde im Mittelland, und im Tourismusgebiet Oberengadin um St. Moritz, für die Zeit von 1945 bis heute.

Orte und Landschaften der Schweiz unterliegen seit den 1950er Jahren tief greifenden Veränderungen. Zersiedelung im Mittelland und im Berggebiet führt zur Ausbreitung neuer Siedlungsformen. Institutionen, die sich mit der fotografischen Dokumentation von Ort und Landschaft befassen, stehen vor der Frage, wie sie diese Transformationen in ihren Sammlungen abbilden können. Die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek hat den Auftrag, in ihrer «Sammlung Ortsansichten» Fotografien zu sammeln, die einen landestypischen und identifikationsstiftenden Stellenwert besitzen. Die «Sammlung Ortsansichten» enthält Fotografien aus sämtlichen Kantonen der Schweiz, die vorwiegend aus dem Produktionskontext der Ansichtskartenfotografie stammen. Für die Zeit nach 1945 weist die Sammlung Lücken auf.

Bildrecherche Oberengadin

Archiv Montabella Foto + Verlag

Archiv Andrea Pitsch AG Bauunternehmung

Archiv Bauamt Gemeinde St. Moritz

Bildrecherche Schlieren

Archiv Paul Furrer/Vereinigung für Heimatkunde Schlieren

Archiv Hans Bachmann/Vereinigung für Heimatkunde Schlieren

Archiv Inventar der kulturhistorischen Objekte der Stadt Schlieren

Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt «Archiv des Ortes» war die Frage, wo Fotografien produziert und archiviert wurden, die die räumliche Entwicklung der Schweiz nach 1945 dokumentieren. Kernpunkt des Projekts war eine umfassende Bildrecherche in zwei unterschiedlichen, für das Land repräsentativen Kulturräumen: In Schlieren, einer Agglomerationsgemeinde im Mittelland, und im Tourismusgebiet Oberengadin um St. Moritz. Untersucht wurden Archive von Bauunternehmen, von Architektur- und Planungsbüros, lokal ansässigen Firmen, Postkartenverlagen, Gemeindeämtern, der regionalen und überregionalen Presse, lokale kulturhistorische Archive sowie Sammlungen von Privaten. Diese Gebrauchsfotografien, die als «operationelle Bilder» in Planungs- und Bauprozessen, zu Werbezwecken, in der politischen Diskussion hergestellt und genutzt werden, bilden eine äusserst ergiebige Quelle zur Dokumentation räumlicher Veränderungen in unterschiedlichen Feldern: Architektur, Verkehr, Landwirtschaft, Tourismus. Diese Bestände vor Ort sind jedoch mehrheitlich kaum bekannt, archivarisch nicht aufgearbeitet und öffentlich nicht zugänglich.

Ergebnis des Forschungsprojekts sind zwei modellhafte fotografische Sammlungen zu Schlieren und zum Oberengadin für den Zeitraum von 1945 bis 2008 mit je ca. 3000 Bildern. Diese können online eingesehen werden unter www.archiv-des-ortes.ch. Sie bilden zudem eine der Grundlagen für die Weiterentwicklung des Sammelkonzepts der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek. Die im Rahmen des Projekts entwickelten Sammelstrategien und Auswahlkriterien lassen sich auf andere Regionen der Schweiz übertragen.


Buch «Auf Gemeindegebiet»

Basierend auf den in der Bildrecherche gesichteten Beständen, realisierten Ulrich Görlich und Meret Wandeler das Buch «Auf Gemeindegebiet. Schlieren – Oberengadin. Fotografien zum räumlichen Wandel im Mittelland und in den Alpen seit 1945».

Zwei Bildstrecken mit insgesamt 240 Fotografien aus der Zeit von 1945 bis heute sind übereinander montiert: Auf der oberen Seitenhälfte findet sich eine Aufnahme aus Schlieren, auf der unteren eine aus dem Oberengadin. Diese bisher kaum bekannte Gebrauchsfotografie zeigt nicht kulturhistorisch bedeutsame Objekte oder spektakuläre Natur, sondern den bebauten, benutzten, alltäglichen Siedlungsraum. In den beiden Bildstrecken überlagern sich zwei parallele Veränderungsprozesse: derjenige der fotografierten Objekte und derjenige ihrer fotografischen Sichtweise. Die Gegenüberstellung von Fotografien aus einer Agglomerationsgemeinde im Mittelland und einem Tourismusgebiet in den Alpen enthüllt vielfältige Bezüge, Diskrepanzen und Parallelen zwischen der Entwicklung in den beiden Gebieten.

Schlieren, eine Stadt mit heute rund 18 000 Einwohnern, hat sich vom Bauerndorf zum Gewerbe- und Dienstleistungsstandort entwickelt. In Schlieren lassen sich für das Mittelland typische räumliche Entwicklungen beobachten: Ausbreitung des Siedlungsgebiets in die Landschaft, Anpassung des Lebensraums an den Verkehr, Umnutzung der ehemaligen Industrieareale. Das Oberengadin zählt zu den bekanntesten Feriengebieten Europas. Das Buch konzentriert sich auf St. Moritz als international bedeutende Tourismusdestination, auf Samedan als Zentrum von Versorgung und Dienstleistung sowie auf die Seenlandschaft zwischen Silvaplana und Maloja. Die Fotografien aus diesem Gebiet zeichnen beispielhaft die touristische Erschliessung von Landschaften und Orten im Alpenraum nach.

Ein begleitender Essay von Christian Schmid analysiert die Bedeutung der fotografischen Darstellung für die Auseinandersetzung mit dem Urbanisierungsprozess in der Schweiz. Werner Huber und René Hornung haben kurze Regionenporträts verfasst. Der Bildteil wird ergänzt durch einen Text von Meret Wandeler zu den im Forschungsprojekt gesichteten Beständen und zur Arbeit der Autoren mit dem Bildmaterial.

Ulrich Görlich, Meret Wandeler:
«Auf Gemeindegebiet. Schlieren – Oberengadin. Fotografien zum räumlichen Wandel im Mittelland und in den Alpen seit 1945».
Mit Textbeiträgen von René Hornung, Werner Huber, Christian Schmid und Meret Wandeler
Texte in Deutsch und Englisch
176 Seiten, 240 farbige und s/w-Abbildungen
www.scheidegger-spiess.ch